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Ein einziger viraler Post kann Tausende in ein stilles Dorf locken – doch wer zahlt den Preis?
Venedig erwacht. Fensterläden klappen auf, der Duft von Espresso legt sich über die engen Gassen. Doch die Stille des Morgens hält kaum an. Schon im ersten Licht des Tages füllen Touristen die Straßen rund um den Markusplatz, die Handys im Anschlag, auf der Suche nach dem perfekten Bild für die neue Instagram-Story. „Eine Tourismussaison gibt es hier längst nicht mehr“, sagt Eleonora Sovrani von der NGO We Are Here Venice. „Der Strom der Besucher reißt nie ab.“
Mehr als 5,5 Millionen Menschen besuchten Venedig in 2023, so der Tourismusbericht der Stadt. Für die Einheimischen ist der unablässige Zustrom zur Belastung geworden. „Bestimmte Viertel sind ständig überlaufen – manchmal ist es schlicht unmöglich, ihnen zu entkommen“, sagt Sovrani.
TikTok: Der neue Reiseführer
Die Sehnsucht nach der Ferne entsteht heute selten im Reisebüro oder beim Blättern durch Hochglanzbroschüren – sie beginnt im Netz. Auf TikTok etwa wurden mehr als 70 Millionen Beiträge mit dem #travel veröffentlicht. „71 Prozent der europäischen Nutzer suchen gezielt nach Reiseinhalten“, sagt Stuart Flint, bei TikTok zuständig für die Global Business Solutions in Europa gegenüber Euronews. „Und 77 Prozent lassen sich dadurch inspirieren, ein Reiseziel zu besuchen oder ein reisebezogenes Produkt zu kaufen.“
Manchmal reicht ein einziges Video, um ein stilles Bergdorf in einen Touristenmagneten zu verwandeln. Als die italienische Influencerin Rita de Crescenzo das 1.500-Seelen-Dorf Roccaraso in einer TikTok-Story zeigte, wurde der Ort über Nacht berühmt. Binnen weniger Tage verstopften Busse die Zufahrtsstraßen, auf den Skipisten drängten sich Tagesgäste, und zurück blieben Müllberge. An einem einzigen Sonntag zählte der Ort rund 10.000 Besucher.

Die Macht der Algorithmen
Das Phänomen kennt keine Grenzen. „Social Media ist längst als moderne Form der Kommunikation mit Touristen anerkannt“, sagt Mohd Hafiz Hanafiah, Tourismusforscher an der Universiti Teknologi MARA in Malaysia. „Die Macht liegt heute bei den Reisenden selbst. Sie haben die Macht, Inhalte zu teilen, andere zu beeinflussen und zu motivieren, bestimmte Orte zu besuchen – oder eben nicht.“
Heute entscheiden Algorithmen, wohin Millionen Menschen reisen. Reisevideos auf TikTok erreichen Milliarden Aufrufe – die App ist für viele aus der Generation Z zum digitalen Reiseführer geworden. Doch während soziale Medien Authentizität versprechen, verlieren viele dieser „versteckten Perlen“ rasch ihren Zauber. Aus Geheimtipps werden Hotspots. Und selbst wenn Regierungen versuchen, Besucherströme zu begrenzen, entsteht laut Hafiz immer neue Nachfrage – befeuert durch das, was online geteilt wird, besonders unter Jüngeren.
„Netzwerke der Sehnsucht“
Forscher sprechen von sozialen Plattformen als „Netzwerken der Sehnsucht“ – als digitale Räume, in denen Reisen zum Vergleich werden. Wer andere im Urlaub sieht, empfindet nicht nur Neugier, sondern auch das Gefühl, selbst etwas zu verpassen. Laut einer Umfrage des Reiseportals TripIt aus dem Jahr 2024 gab fast die Hälfte der Befragten aus der Generation Z und den Millennials an, der schönste Teil ihrer Reise sei der Inhalt gewesen, den sie für soziale Medien produziert haben. Viele bleiben nur für ein paar Stunden, machen unzählige Fotos – und lassen in den Läden kaum Geld. „Aus meiner Sicht als Einwohnerin sehe ich immer mehr von diesem ‚Grab-and-See-Tourismus‘“, sagt Sovrani.
Unzufriedene Einheimische und Protest
In Venedig sind die Folgen längst spürbar. Der Übertourismus hat den Alltag der Einheimischen verändert – und das Gesicht der Stadt gleich mit. „Venedig verwandelt sich selbst und bietet keine Erfahrung einer lebendigen Stadt mehr“, sagt Sovrani. „Wenn die Bewohner fehlen und ihre Aktivitäten verschwinden, entsteht ein Teufelskreis.“ 1951 lebten im historischen Zentrum noch mehr als 150.000 Menschen, heute sind es weniger als 50.000. Viele Wohnungen wurden in Ferienunterkünfte umgewandelt, die Mieten steigen, ganze Viertel verkommen zu Bühnenbildern. Aus Lebensmittelgeschäften werden Souvenirläden, aus Studentenbars teure Restaurants.
Überall in Europa wächst der Unmut über den Massentourismus. In Barcelona zogen im Sommer Tausende durch die Straßen, riefen „Euer Urlaub – mein Elend“ und bespritzten Touristen mit Wasserpistolen. Ähnliche Szenen spielten sich in Málaga, Palma de Mallorca und Venedig ab. Im österreichischen Hallstatt errichtete die Gemeinde Sichtschutzwände, um den berühmten Blick auf das Dorf zu verdecken – nachdem Gerüchte kursierten, es habe als Vorlage für Disneys Frozen gedient. Und in Venedig bittet die Buchhandlung Libreria Acqua Alta, berühmt für ihre in Badewannen gelagerten Bücher, ihre Besucher inzwischen mit Schildern darum, etwas zu kaufen statt nur Foto zu machen.

Städte schlagen zurück
Weltweit suchen Städte nach Wegen, den Ansturm zu zähmen – jede auf ihre Weise. Paris hat sein letztes Tourismusbüro geschlossen und informiert Besucherinnen und Besucher nur noch digital. Venedig erhebt inzwischen eine Eintrittsgebühr für Tagestouristen und hat die Regeln für Kurzzeitvermietungen verschärft. In Barcelona will die Stadtverwaltung bis 2028 alle Ferienwohnungen abschaffen, um das Wohnen wieder bezahlbar zu machen. Und auf der malaysischen Insel Sipadan dürfen pro Tag nur 252 Personen tauchen – wer Glück hat, bekommt nach Monaten eine Genehmigung.
Hafiz rät dazu, Besucherabgaben mit gezielten Maßnahmen zur Lenkung von Touristenströmen zu verbinden. Zugleich fordert er Marketingstrategien, die soziale Medien bewusst nutzen, um nachhaltiges Reisen zu fördern – mit Fokus auf weniger bekannte Orte und Reisen außerhalb der Hochsaison. „So können wir soziale Medien einsetzen, um Übertourismus in ‘Untertourismus’ zu verwandeln“, sagt er. Doch das Paradox bleibt: Sobald neue Ziele online an Popularität gewinnen, erleben sie denselben Andrang wie die alten Hotspots. Einige Influencer versuchen gegenzusteuern, werben für Slow Travel – länger bleiben, lokal konsumieren, respektvoll reisen.
Auch Regierungen versuchen, sich anzupassen. „Aus asiatischer Perspektive ist Tourismusplanung meist top-down organisiert“, sagt Hafiz. „Die Regierung entscheidet, was zu tun ist – die Einheimischen bleiben Statisten.“ Noch immer wiegen wirtschaftliche Gewinne schwerer als soziale Kosten. Ein Muster, das sich auch in Europa zeigt, wo Reformen oft erst kommen, wenn der Druck von der Straße groß genug ist.
Zu Tode geliked
Weltweit begreifen Reiseziele, dass Aufmerksamkeit ebenso zerstörerisch sein kann wie wertvoll. Ein einziger viraler Beitrag kann Straßen, Strände und Bergpfade schneller füllen als jede Werbekampagne. Die eigentliche Herausforderung liegt nun darin, diese Sichtbarkeit klüger zu nutzen. „Das Hauptziel jeder touristischen Entwicklung sollte sein, die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung zu verbessern – nicht die der Touristen“, sagt Hafiz. Doch solange Algorithmen und die Tourismusindustrie den Takt bestimmen, drohen die schönsten Orte der Welt, an ihrer eigenen Beliebtheit zu zerbrechen – Post für Post, Story für Story.
